Kaum ein Anlageprodukt wird Einsteigern so oft empfohlen wie der ETF. Breit gestreut, günstig, unkompliziert per Sparplan besparbar – klingt nach der idealen Lösung. Nur: Ein klassischer ETF kauft stur alle Aktien eines Index, ohne zu fragen, womit die Unternehmen ihr Geld verdienen oder wie sie sich finanzieren. Genau da beginnt die Frage, die sich viele muslimische Anleger stellen: Kann ein Produkt, das man nicht einzeln auswählt, überhaupt scharia-konform sein? Die kurze Antwort: Es kommt auf den ETF an. Die längere Antwort liest du hier.
Was ein ETF überhaupt ist
ETF steht für Exchange Traded Fund, zu Deutsch: börsengehandelter Indexfonds. Statt dass ein Fondsmanager aktiv Aktien auswählt, bildet ein ETF einfach einen bestehenden Index nach – zum Beispiel einen klassischen Weltindex, der mehrere hundert bis über tausend Unternehmen aus Industrieländern abbildet. Kaufst du einen Anteil an diesem ETF, bist du automatisch an all diesen Unternehmen beteiligt, in etwa im Verhältnis ihrer Größe an der Börse. Das macht ETFs günstig (die laufenden Kosten, die sogenannte TER oder Total Expense Ratio, liegen oft bei 0,1 bis 0,3 Prozent pro Jahr) und breit diversifiziert. Der Haken für muslimische Anleger: Ein normaler Index unterscheidet nicht zwischen einer Brauerei, einer konventionellen Bank und einem Softwareunternehmen. Alle sind einfach nach Marktkapitalisierung gewichtet drin.
Warum konventionelle ETFs ein Problem darstellen
Drei Punkte machen einen gewöhnlichen breiten Aktien-ETF aus islamischer Sicht schwierig.
Der Branchen-Mix. In jedem großen Weltindex stecken Unternehmen aus Branchen, die nach überwiegender Gelehrtenmeinung nicht mit dem Islam vereinbar sind: klassische Banken und Versicherungen (deren Kerngeschäft auf Zins, arabisch Riba, basiert), Brauereien und Spirituosenhersteller, Glücksspielanbieter, Rüstungsunternehmen mit hohem Anteil kontroverser Waffensysteme sowie Schweinefleischproduzenten. Riba bezeichnet im islamischen Recht jede Form von unbegründetem, vorab festgelegtem Zinsertrag auf verliehenes Kapital – verboten unabhängig davon, wie niedrig der Zinssatz ausfällt. In einem klassischen Weltindex stecken solche Unternehmen mit spürbarem Gewicht.
Zinstragende Bestandteile. Auch Unternehmen außerhalb der klassisch verbotenen Branchen sind oft über Anleihen oder Bankkredite verschuldet und parken überschüssige Liquidität verzinst. Ein Technologiekonzern kann also grundsätzlich ein erlaubtes Geschäftsmodell haben und trotzdem in relevantem Umfang Zinserträge einstreichen oder zinsbasiert finanziert sein.
Wertpapierleihe. Viele große ETF-Anbieter verleihen einen Teil der im Fonds gehaltenen Aktien gegen Gebühr an Dritte, etwa an Leerverkäufer, um eine Zusatzrendite für den Fonds zu erzielen. Diese Praxis ist bei konventionellen ETFs weit verbreitet und wird von manchen Scharia-Gelehrten kritisch gesehen, weil die Erträge daraus Zins- beziehungsweise Gebührenstrukturen ähneln, die nicht eindeutig als zulässig gelten. Ob und in welchem Umfang ein bestimmter ETF Wertpapierleihe betreibt, steht in der Regel im Verkaufsprospekt beziehungsweise im aktuellen Jahresbericht des Anbieters.
Wie Scharia-Screening bei ETFs funktioniert
Halal-ETFs bilden nicht den gewöhnlichen Index nach, sondern eine speziell gefilterte Variante davon – etwa eine Islamic-Variante eines Weltindex statt des normalen Weltindex. Der Filterprozess läuft in der Regel in drei Schritten ab und orientiert sich an Standards, wie sie unter anderem die AAOIFI (Accounting and Auditing Organization for Islamic Financial Institutions) formuliert hat. Die AAOIFI ist eine 1991 gegründete, in Bahrain ansässige Standardsetzungsorganisation für islamische Finanzinstitute; ihre Scharia-Standards gelten international als wichtige, wenn auch nicht einzige Referenz für Scharia-Screening.
1. Branchenfilter
Zunächst werden Unternehmen ausgeschlossen, deren Kerngeschäft in einer verbotenen Branche liegt: konventionelle Banken, Versicherungen, Alkohol, Schweinefleisch, Glücksspiel, Erwachsenenunterhaltung, klassische Rüstungsgüter und teils auch Tabak. Die großen Indexanbieter definieren dabei jeweils eigene Umsatzschwellen, ab wann ein Unternehmen als „betroffen“ gilt.
2. Finanzkennzahlen-Filter
Selbst Unternehmen mit erlaubtem Kerngeschäft müssen anschließend drei Kennzahlen-Grenzwerte einhalten, die sich an der AAOIFI-Praxis orientieren – häufig zusammengefasst als „30/30/5-Regel“:
| Kennzahl | Grenzwert (typisch) | Bedeutung |
|---|---|---|
| Zinstragende Verschuldung | unter 30 % der Marktkapitalisierung | Unternehmen darf nicht überwiegend zinsbasiert finanziert sein |
| Zinstragende liquide Mittel/Wertpapiere | unter 30 % der Marktkapitalisierung | Unternehmen darf nicht überwiegend Zinserträge parken |
| Einnahmen aus unzulässigen Aktivitäten | unter 5 % des Gesamtumsatzes | Nebeneinnahmen aus verbotenen Quellen bleiben tolerierbar |
Wichtig zu wissen: Nicht jeder Index-Anbieter rechnet exakt gleich. Manche setzen als Bezugsgröße die Marktkapitalisierung an, andere die Bilanzsumme oder einen gleitenden Durchschnitt der Marktkapitalisierung über mehrere Monate. Das führt dazu, dass ein und dasselbe Unternehmen je nach Indexanbieter als konform oder nicht konform eingestuft werden kann.
3. Purification (Reinigung der Erträge)
Selbst nach diesen Filtern bleibt bei den meisten Halal-Indizes ein kleiner Rest an „unreinem“ Einkommen im Unternehmen – etwa Zinserträge auf Bankguthaben innerhalb der erlaubten 5-Prozent-Schwelle. Deshalb berechnen Indexanbieter einen „Dividend Adjustment Factor“: Der unzulässige Anteil der Dividende wird rechnerisch herausgerechnet beziehungsweise soll von gläubigen Anlegern selbst gespendet werden, meist im Bereich von deutlich unter 5 Prozent der ausgeschütteten Dividende. Bei manchen neueren Fondsstrukturen wird diese Reinigung inzwischen direkt im Fonds vorgenommen: Der unreine Anteil fließt automatisch an eine von einem Scharia-Board genehmigte Wohltätigkeitsorganisation, statt dass der Anleger selbst aktiv werden muss. Ob und wie ein konkreter ETF das handhabt, findest du im Factsheet oder Prospekt des jeweiligen Anbieters – frag im Zweifel direkt beim Fondsanbieter nach.
Woran du einen scharia-konformen ETF erkennst
„Halal“ steht nicht automatisch drauf, nur weil ein Produkt so beworben wird. Mit den folgenden Fragen kannst du selbst kritisch hinschauen. Die Antworten findest du in der Regel im Factsheet (dem kurzen Produktsteckbrief), im Verkaufsprospekt und im Jahresbericht des Fonds. Auch das zeigt: Die Auswahl braucht Sorgfalt, und nicht jedes Produkt hält, was der Name verspricht.
- Wird ein speziell gefilterter Islamic-Index nachgebildet? Ein gewöhnlicher Weltindex mit einem „ethischen“ Anstrich ist nicht dasselbe wie ein Index, der ausdrücklich nach islamischen Kriterien gefiltert wird. Achte darauf, welcher Index genau abgebildet wird und ob seine Methodik (Branchenfilter, Kennzahlen-Grenzwerte) öffentlich einsehbar ist.
- Gibt es ein Scharia-Board? Ein Scharia-Board ist ein Gremium von Gelehrten, das die Methodik prüft und freigibt. Im Factsheet oder Prospekt sollte stehen, welches Board den Index oder den Fonds betreut. Schau auch, ob ein Zertifikat oder eine Fatwa (ein Rechtsgutachten) dazu vorliegt oder zumindest eine nachvollziehbare Bestätigung.
- Nach welchem Standard wird gefiltert? Viele Indizes orientieren sich an den Standards der AAOIFI, manche nutzen eigene Varianten. Beides kann seriös sein. Wichtig ist, dass der Standard benannt wird, damit du ihn mit deiner eigenen Rechtsauffassung abgleichen kannst.
- Wie läuft die Purification? Wird der unreine Ertragsanteil automatisch im Fonds ausgesondert und gespendet, oder musst du selbst rechnen und spenden? Beides kommt vor. Im zweiten Fall brauchst du eine verlässliche Berechnungsgrundlage, etwa den bereits erwähnten Dividend Adjustment Factor.
- Betreibt der Fonds Wertpapierleihe? Wie oben beschrieben, wird das von manchen Gelehrten kritisch gesehen. Der Prospekt und der Jahresbericht verraten, ob der Fonds Wertpapiere verleiht.
- Wie wird der Index nachgebildet? Bei der physischen Replikation kauft der Fonds die Aktien tatsächlich. Bei der synthetischen Replikation bildet er den Index über Tauschgeschäfte (Swaps) nach, also über Derivate. Viele Gelehrte sehen Derivate kritisch, weil sie Gharar enthalten können, also übermäßige Unsicherheit über den Vertragsgegenstand. Ob und wie streng, ist umstritten. Prüfe deshalb, welche Methode der Fonds nutzt.
- Ausschüttend oder thesaurierend? Ein ausschüttender ETF zahlt Dividenden an dich aus. Dann kannst du den unreinen Anteil davon ablesen und gezielt spenden, sofern der Fonds das nicht schon selbst erledigt. Ein thesaurierender ETF legt die Erträge im Fonds wieder an. Bei ihm gibt es keine Ausschüttung, an der du die Reinigung festmachen kannst. Dann muss die Purification im Fonds geregelt sein, oder du brauchst einen anderen Weg, sie nachzuvollziehen. Frag im Zweifel beim Fondsanbieter nach.
- Passt der ETF zu deinem übrigen Vermögen? Islamic-Indizes sind wegen der Verschuldungsfilter häufig stark auf bestimmte Branchen konzentriert, tendenziell auf Technologie, weil zum Beispiel Banken und viele hoch verschuldete Unternehmen herausfallen. Das verändert die Streuung gegenüber einem klassischen Weltindex. Ein Halal-ETF ist also nicht einfach ein „gleicher ETF, nur sauber“. Er verhält sich in Kursverlauf und Schwankung teils anders. Schau deshalb auch, was du schon besitzt: Wo steckst du bereits in denselben Branchen, wo fehlen dir andere?
Mit dieser Checkliste siehst du, ob ein Anbieter transparent arbeitet. Was du nicht allein beurteilen kannst, ist, ob die Methodik zu deiner eigenen Auslegung passt. Dazu später mehr.
Grenzen des Screenings und Diskussionen unter Gelehrten
So strukturiert der Prozess klingt – vollständige Einigkeit gibt es unter Scharia-Gelehrten in mehreren Punkten nicht:
- Die 5-Prozent-Toleranzschwelle bei unzulässigen Einnahmen wird von manchen Gelehrten als zu großzügig kritisiert, von anderen als notwendiger Kompromiss verteidigt, weil eine strengere Schwelle in der modernen, global vernetzten Wirtschaft kaum ein Unternehmen übrig ließe. Es handelt sich ausdrücklich um eine unter Gelehrten diskutierte Konvention, keine im Koran oder in der Sunna exakt beschriebene Zahl.
- Die Berechnungsgrundlage der Verschuldungs- und Liquiditätsquoten (Marktkapitalisierung versus Bilanzsumme versus gleitender Durchschnitt) unterscheidet sich je nach Indexanbieter und Scharia-Board, was dazu führen kann, dass ein Unternehmen in einem Islamic Index enthalten ist und im nächsten nicht.
- Wertpapierleihe innerhalb des ETF-Mantels wird nicht bei allen Anbietern einheitlich gehandhabt oder offengelegt; hier lohnt ein Blick in den aktuellen Jahresbericht, wenn dir dieser Punkt wichtig ist.
- Die Frage der Purification – reicht die rechnerische Bereinigung durch den Indexanbieter, oder sollte jeder Anleger zusätzlich selbst einen Teil seiner Dividende spenden – wird ebenfalls unterschiedlich beantwortet, auch abhängig davon, ob der Fonds die Reinigung bereits automatisiert vornimmt oder nicht.
Diese Punkte bedeuten nicht, dass Halal-ETFs beliebig oder unseriös wären. Sie zeigen aber, dass „Scharia-konform“ kein einheitliches, weltweit exakt gleich definiertes Gütesiegel ist, sondern das Ergebnis einer Methodik, die von einem bestimmten Scharia-Board nach bestimmten Standards genehmigt wurde. Wer besonders genau sein möchte, prüft im Factsheet, welches Board den ETF beaufsichtigt und nach welcher Standard-Referenz (etwa AAOIFI) gescreent wird. Welche Auslegung für dich stimmig ist, kannst du bei Bedarf mit einer vertrauenswürdigen Gelehrtenperson klären.
Fazit
Ein pauschales „ETFs sind haram“ stimmt genauso wenig wie ein pauschales „ETFs sind halal“. Konventionelle breite Indexfonds enthalten in aller Regel Unternehmen und Strukturen, die nicht mit islamischen Prinzipien vereinbar sind. Speziell gescreente Halal-ETFs lösen dieses Problem über Branchen- und Kennzahlenfilter sowie Purification-Mechanismen – bleiben dabei aber, wie jedes Finanzprodukt, im Detail unterschiedlich streng und methodisch nicht ganz einheitlich.
Ein Halal-ETF kann ein sinnvoller Baustein sein: breit gestreut, kostengünstig und mit kleinen Beträgen besparbar. Er ist aber nicht automatisch die beste Lösung für jeden, sondern eine Anlageform unter mehreren. Ob ein ETF überhaupt zu dir passt und welcher, hängt von deinem Anlagehorizont, deiner Risikobereitschaft, deinem übrigen Vermögen und deiner eigenen Auslegung der Scharia-Kriterien ab. Wenn du bei diesen Fragen unsicher bist oder die Prüfung nicht allein machen möchtest, lohnt sich ein persönliches Gespräch, in dem diese Punkte auf deine Situation übertragen werden.